"DER STANDARD"-Kommentar: "Zürich-Ableger statt Weltschauplatz" von Andrea Schurian

Sicher ist: Die neuen Chefs der Salzburger Festspiele haben gute Freunde – Ausgabe vom 27.8.2012

Wien (ots) – Schöne Perlen ergeben nicht zwangsläufig eine schöne Perlenkette. Und die Aneinanderreihung von – durchaus hochkarätigen – Veranstaltungen macht keinen feingestimmten Festspielsommer. Das ist eine der Erkenntnisse nach Alexander Pereiras erster Salzburg-Saison. Und dass die Festspiele, allen Krisen zum Trotz, offenbar in einer Geldblase schwimmen. Sonst würde Pereira, der arg viel über Finanzen und nur wenig zur Kunst sagt, Wiederaufnahmen kostspieliger Produktionen zumindest in Erwägung ziehen. Gut, aus diesem Jahr muss nicht allzu viel ins nächste gerettet werden – außer das betörend radikale Gesamtkunstwerk Die Soldaten, das Ingo Metzmacher (Dirigat) und Alvis Hermanis (Regie) mit Bernd Alois Zimmermann für die Felsenreitschule maßschneiderten. Dieses Kunstfest möchte man wieder sehen, und zwar vom Beginn der Festspiele an, nicht wie heuer in planerischer Hasenfüßerei ans Ende gepickt. Weil laut Pereiras Verdikt nur saisonal Frisches auf den Festspielplan kommt, geraten aber wenigstens provinzbühnencharmante Wiederentdeckungen wie die Der Zauberflöte zweyter Teil alias Das Labyrinth gnädig in Vergessenheit. Mit seiner Ankündigung, die Salzburger Festspiele endlich zu einem Weltfestival zu pushen, verpasste der Neo-Intendant seinen Vorgängern eine ebenso unverdiente wie schallende Ohrfeige. Nur: Statt Weltschauplatz wurde Salzburg heuer zum freunderlbewirtschafteten Zürich-Ableger. Überproportional oft wird in den Programmheften auf “enge Verbundenheit” der Künstler mit dem Zürcher Opernhaus hingewiesen, auf Debüts und fixe Engagements dortselbst. Manch einer ging in Zürich in Pension und werkt nun in Salzburg weiter. Und Sven-Eric Bechtolf, der 2000 in Zürich mit Alban Bergs Lulu seine erste Talentprobe als Opernregisseur abgeben durfte? Ist ein exzellenter Künstler, seine Ariadne-Version wurde zu Recht hochgelobt. Als Schauspielchef ist er aber noch ein Azubi. Weshalb er sich eher auf seine Kernaufgaben konzentrieren sollte als auf seine geplante Neuinszenierung des Da-Ponte-Zyklus – zumal jener von Claus Guth in Salzburg noch in allerbester Erinnerung ist. Außer Andrea Breths herausragende Prinz von Homburg-Interpretation gab’s in seinem Ressort viele Ärgernisse, allen voran Irina Brooks Peer Gynt-Kolossalkitsch auf der Perner-Insel. Weil sie mit der Bühne nicht zurande kam, darf sie nun auch ihren zwei Jahre alten La Tempête-Festivalhadern in Hallein zwischenlagern. Ausnahme von der Exklusivitätsregel: Warum? Und warum mutet Bechtolf den grandiosen Schauspielern für Händl Klaus’ Sprachverästelungen Meine Bienen. Eine Schneise einen nicht-deutschsprachigen Regisseur zu? Was waren seine Auswahlkriterien fürs Young Directors Project (YDP)? Es begann und endete schrecklich banal. Aber Bechtolf holte sich auch Freunde als Qualitätsgaranten: Cornelia Rainer, die er von gemeinsamen Arbeiten kennt, realisierte im YDP ein Lenz-Projekt. Sie (und drei ihrer Geschwister) musizieren auch in der Musicbanda Franui, mit der wiederum Bechtolf gemeinsam auftritt. Deren charismatischer Gründer Andreas Schett ist der vermutlich meistbeschäftigte Bechtolf-Freund: Konzerte, Komposition zum Händl-Stück, Chefredaktion und Gestaltung der YDP-Zeitschrift. Schett leitet mit Gustav Kuhn seit 1998 die Tirol Festspiele Erl. Gute Schule für Salzburgs Lehrling.

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   Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445 

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