DER STANDARD-Kommentar zur Plagiatsaffäre Schmitt: "Dabei sein war alles" von Adelheid Wölfl

Ausgabe vom 3. April 2012

Wien (ots) – Viktor Orbán betonte zwar in den letzten Tagen, dass „eindeutig niemand anderer als Pál Schmitt selbst über einen Rücktritt entscheiden“ könne, doch der Satz konnte durchaus auch als Aufforderung an den Präsidenten gelesen werden, die Verantwortung für sein Missverhalten gefälligst selbst zu übernehmen. Und der _“Pálgiator“ – wie Schmitt in Ungarn genannt wird – bekam natürlich zu spüren, dass er der Regierungspartei Fidesz mit jedem Tag, den er länger im Amt blieb, noch mehr schadete. Schmitt ist außerdem einer, der während seiner gesamten beruflichen Laufbahn gelernt hat, dass man ohne die Partei (welche auch immer – er machte schon unter den Kommunisten Karriere) nichts wird und nichts bleiben kann. Genau das führt aber zum Kern des Problems. Schmitt wurde – ähnlich wie Ex-Präsident Wulff in Deutschland – wegen seiner Loyalität und Anpassungsfähigkeit von _Fidesz unterstützt. Er selbst sagte, es sei wohl nicht die Doktorarbeit, die ihn zum Präsidenten qualifizierte, sondern „wahrscheinlich sonstige andere Qualitäten“. Welche, wollte er offenbar selbst nicht so genau wissen. Dass Schmitt seine Dissertation („Analyse des Programmes der Olympischen Spiele der Neuzeit“) abgekupfert hat, ist für ihn persönlich peinlich. Dabei zu sein war für ihn offenbar alles. Auch zum Preis der Selbstverleugnung. Das Verhalten der Uni, die die Dissertation mit „summa cum laude“ bewertete und Schmitt von jeglicher Schuld für die völlige Absenz wissenschaftlicher Kriterien freisprach, zeigt, dass sich auch Eliten in einem autoritären Reflex an den Mächtigen anbiedern. Der Versuch der Regierung, die Verantwortung auf die Uni abzuwälzen, ist _- auch dank der protestierenden Studenten – nicht geglückt, obwohl der Rektor als Bauernopfer gehen musste. In Ungarn, mit einer der ältesten universitären Traditionen in Europa, gibt es also eine akademische Selbstkontrolle. Viel grundsätzlicher muss man aber fragen, wie jemand, der politisch und persönlich derartig abhängig ist, gleichzeitig den Mut, die Autorität und Distanz zu anderen Mächtigen haben kann, um sein Land nach innen und außen repräsentieren zu können. Schmitt ist nur das Symptom. Sein Rücktritt ändert nichts daran, dass eine derart mächtige Partei wie Fidesz keinen unabhängigen, starken Kandidaten unterstützen wird. Die demokratiepolitisch spannende Frage ist nun, ob die ungarische Gesellschaft einen solchen – wie in Deutschland – einfordert.

Rückfragehinweis: Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/449/aom

 

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